Der 2. Fall des Rhönjägers:
Die letzte Strecke

1905 wird in der Rhön und Thüringen kräftig an Eisenbahnstrecken gebaut. Es geht um Schmiergelder, übelste Machenschaften, gezweiteilte und gevierteilte Schurken…

Die letzte Strecke

Zeitreise in ein mörderisches Kaiserreich…

In der Rhön wird 1905 vom preußischen Tann bis ins Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach kräftig an Eisenbahnstrecken gebaut. Es geht um viel Schmiergeld, übelste Machenschaften, gezweiteilte und gevierteilte Schurken.

Über allem schwebt auch noch das dunkle Geheimnis von zwei jungen Frauen, die plötzlich tot aufgefunden werden, eine in Tann und die andere im thüringischen Vacha. Der Revierjäger Bonifatius Burgmüller macht sich auf die Spurensuche.

Dabei verdreht ihm die ebenso resolute wie charmante Franziska Freifrau von Waldenberg auch noch restlos den Kopf.

 

Der zweite Fall des Rhönjägers:
Eine packende Kriminalgeschichte in der Wilhelminischen Zeit mit skurrilen und humorvollen Charakteren in einer brodelden Zeit des Umbruchs.

Kapitel 1

„Die drei Lichter“

Sein Schädel brummte lauter als die Bären im Zwinger des Torgauer Schlosses und er kam nur langsam wieder zu sich. Alles war plötzlich schwarz geworden und das Erinnerungsvermögen eine Fähigkeit besserer Tage.

Langsam öffnete er seine Augen. Es war tiefe Nacht und er konnte nur schemenhaft die Umrisse der Umgebung sehen.

Seine Augen arbeiteten zwar wieder, doch er bekam kaum Luft. Kein Wunder, er hatte ein großes Stück Stoff im Mund stecken. Atmen konnte er nur durch die Nase, dabei wollte er kräftig Luft holen, um Aufzustehen. Doch auch dann wäre es ihm nicht gelungen.

Weder die Arme noch die Beine konnte er bewegen. Sie waren festgebunden. Die Hände nach oben weg, die Füße nach unten.

Nur den Kopf konnte er drehen. Er schaute nach links, dort war in der Landschaft nicht viel zu erkennen. Auf der rechten Seite zeichnete sich im Dunkeln deutlich der Habelberg, der Hausberg von Tann, ab.

Da er ihn westlich sah, musste er mit dem Kopf nach Norden liegen. Wie oft und wie intensiv hatte er in den letzten Wochen jeden Kilometer von Tann nach Geisa vermessen und auf das Genaueste in die Pläne eingezeichnet.

Die Topografie kannte er wie aus der Westentasche. Aber, das half ihm jetzt nicht weiter, wenn doch die wahnsinnigen Kopfschmerzen nicht wären.

Überhaupt, warum lag er hier und wo genau? Er betastete mit den Fingerkuppen die Stelle, an der er festgebunden war.

Es war Metall, oben glatt und an der Seite etwas rauer. Schienen, das waren Schienen!

Er lag also auf einem Gleisbett. Die preußische Normalspur hatte einen Breite von exakt 1435 mm, aber ihm war klar, dass er nicht hier lag, um sich seiner geliebten Mathematik hinzugeben.

Was um Himmels Willen war passiert? Wie kam er hierher und vor allem, wie kam er hier wieder weg?

Stück für Stück kamen Erinnerungsfetzen zurück. Er war am Abend in der Krone gewesen, dem ältesten Gasthaus von Tann. Es war eine Einladung des Stadtrates Holste und einiger weiterer Honoratioren von Tann gewesen. Aberwitzig, er hatte plötzlich den Geschmack des ausgezeichneten Lammes auf der Zunge.

Das Bier war hervorragend und die Tochter des Wirtes eine Augenweide. Ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter.

Sind das die letzten klaren Gedanken, die einem kommen, wenn das Ende naht? Denn jetzt ging es um Leben und Tod, das war klar.

In schlechter Erinnerung hatte er noch diesen unverschämten Jägersmann. Unglaublich, was der sich erlaubt hatte. Der Kerl war unverhohlen und vor allem respektlos gegenüber ihm, einem Beamten des preußischen Staates, gewesen.

Der Jäger führte sich besserwisserisch und unverfroren auf, zuletzt war er sogar regelrecht aggressiv.

Egal, er war die Staatsmacht und er hatte hier zu bestimmen. Außerdem, wo käme man da hin, wenn Laien sich plötzlich einmischen durften!

Es donnerte nach wie vor in seinem Schädel und jetzt wusste er auch, warum: Jemand hatte ihn offenbar nach Verlassen der Krone abgepasst und einen heftigen Schlag auf den Kopf gegeben.

Die nächste Erinnerung war das Erwachen auf den Gleisen. Er lag da wie ein Strampelmann mit weit vom Körper gestreckten Armen und Beinen.

Seine Kräfte kehrten stückweise zurück und er versuchte sich aufzurichten, indem er an den Schnüren zerrte, doch es lockerte sich nichts. Ein um das andere Mal versuchte er es. Nichts tat sich, die Schnüre wollten sich einfach nicht lockern.

Er überlegte, gab es einen Ausweg, einen Trick, einen Kniff, um sich hier zu lösen? Um Hilfe konnte er nicht schreien, weil das Tuch zu fest in die Mundhöhle gestopft war. Ein Werkzeug wäre hilfreich.

An sein klappbares Brotzeitmesser kam er aber nicht ran, das lag tief in der rechten Außentasche seines Uniformrockes.

Konzentriere dich, überlege, denke nach, es gab immer einen Ausweg! Die Zeit verstrich weiter, der Viertelmond hatte sich bereits ein gutes Stück durch den nächtlichen Himmel der Rhön bewegt.

Mucksmäuschenstill war es, kein Licht zeigte sich in dieser tiefen Nacht, auch Spaziergänger oder sonstiges Volk auf den Straßen gab es da selten. Die braven Bürger schliefen, um gestärkt am nächsten Morgen ihrem Tagwerk nachzugehen.

Jetzt kam ihm die Frage der Fragen. Warum lag er eigentlich hier? Eventuell war es der Jäger oder einer seiner Gehilfen im Vermessungstrupp, der vorzeitig seinen Posten haben wollte? Was war mit den Geschäftsleuten, mit denen er bereits über erste Lieferungen für den Bahnbau sprach? Vielleicht hatte er hier Erzfeinde?

Da überkam ihn ein schreckliches Zucken. Nein, das durfte nicht sein! Er hatte immer aufgepasst, alles sehr dezent gehalten, keinerlei Zusagen gemacht und nie über seine heimliche Leidenschaft gesprochen. Nur in Ausnahmefällen hatte er Gewalt angewendet, zu auffallend wäre es sonst gewesen.

Dass ihm die jungen Dinger gefallen haben, ist doch natürlich. Früher gab es doch auch schon uneheliche Kinder. Da unterscheiden sich Amtspersonen wie er nicht von angeschwärmten Fürsten oder Leutnants. Er verstand das ganze Weibergetue jedenfalls bis heute nicht. Das konnte es auch nicht sein.

Er dachte einen Moment an seinen Schöpfer. Gab es das letzte Gericht wirklich? Hatte Gott seine Finger hier im Spiel? Eine Bestrafung für seine Taten bereits hier im Diesseits, war das möglich?

Gläubig war er nicht, die Wissenschaft war sein Metier, Zahlen, Berechnungen, Algebra und Geometrie beherrschten seinen Kosmos, nicht die Vorstellung an ein höheres Wesen. Und wenn es doch einen Gott gab?

Alle diese Gedanken schwirrten in seiner einen Kopfhälfte, während die andere fiebrig über einen Ausweg nachdachte. Genau, das war es, ein Schotterstein aus dem Gleisbett!

Die Schnüre fühlten sich nicht dick an, mit einem scharfkantigen Schotterstein müsste er sie zerschneiden können.

Er versuchte über die recht hohe Schiene nach unten zu greifen und einen Stein aus dem Bett zu fischen. Aber es gelang ihm nicht, auch mit allerletzter Anstrengung kam er nicht an einen Schotterstein.

Langsam aber sicher kam Panik in ihm hoch. Das Kursbuch der Königlich Preußischen Eisenbahn auf der Strecke von Fulda über Hilders nach dem nördlich gelegenen Tann kannte er auswendig.

Der Bahnanschluss aus diesem Teil der Rhön war auch in den frühen Morgenstunden bereits befahren. Um 4.31 Uhr ging der erste Frühzug mit einer Preußischen T9 Tenderdampflok nach einem Halt in Hilders ab. 20 Minuten später würde der Zug in Tann einfahren.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er die ersten Vibrationen der Gleise spüren würde.

Moment, war da bereits etwas zu fühlen? Seine Finger zitterten während sie die Gleise betasteten.

Gespannt hörte er in das Schweigen der Nacht hinein. Es war jetzt überdeutlich, die Schienen kündigten es an. Zuerst nur eine leises Sirren übertragen von dem kalten Metall und ein ganz leichtes Vibrieren.

Wenige Sekunden später hörte er es auch, das stampfende Geräusch der Kolben, das Schnurren der Triebräder, der unverkennbare Klang einer gewaltigen Stahlmaschine, der Dampflok aus Hilders.

Mit einem Ruck hob er seinen Kopf soweit als möglich und da sah er die drei schwachen Lichter der Dampflokomotive, zwei unten und ein Licht oben, nur düster zunächst, aber dann immer klarer, immer schneller näher kommend. Das stampfende Geräusch des Rauch ausstoßenden Dampfkessels war ebenfalls klar vernehmbar.

Mit allen Energiereserven und geradezu übermenschlicher Kraft zerrte er verzweifelt an seinen festgebundenen Gliedmaßen. Mittlerweile spürte er, wie sich die Schnüre tief ins Fleisch einschnitten.

Sein Handgelenk verbog er soweit es ging und tatsächlich konnte er nun einen Stein berühren, doch aufheben konnte er ihn nicht. Wie ein Wilder zerrte er weiter an den Schnüren.

Die drei Lichter kamen immer näher auf ihn zu, als wenn der Teufel ihn fauchend und mit drei gelben Augen holen wollte.

Jetzt konnte er auch schon das Klacken hören, immer wenn die schweren Eisenräder der Bahn über die Schienenstöße fuhren.

Die drei Lichter waren nur noch wenige hundert Meter entfernt.

Plötzlich wurde die Schnur am rechten Handgelenk etwas lockerer, doch die Zeit verrann unbarmherzig und er glaubte bereits den Schatten des Lokomotivführers hinter dem rechten Frontfenster zu erkennen.

Bitte Gott hilf, ich werde wieder in die Kirche gehen, ich werde jeden Tag beten, ich werde Dich lobpreisen, meine Bibel fleißig in die Hand nehmen und ja, ich werde nie mehr…

Ein gewaltiger Schlag erfasste ihn, es ging alles in Sekunden vor sich, ihm wurde schwarz vor Augen und die Wagen ratterten über ihn. Dann hörte man Bremsen kreischen.

Was war passiert? Hatte man, besser er da oben, sein Flehen erhört? Im Himmel war er nicht, er lag nach wie vor in der dunklen Nacht im Gleisbett. Der Zug musste eine Notbremsung vorgenommen haben.

Wie konnte es sein, dass er noch lebte? Ein zweites Gleis? Das konnte nicht sein, die Strecke war eingleisig, dachte er verzweifelt. Was war nur passiert? Nicht einen Augenblick konnte er einen klaren Gedanken fassen.

Plötzlich spürte er Höllenfeuer an seinen Händen und Füßen. Zu gern hätte er sich die Seele aus dem Leibe geschrien. Mit dem Tuch im Mund war das unmöglich.

Nun zuckte sein ganzer Körper, Tränen schossen aus seinen Augen, während sein Mund austrocknete. Die Schmerzen überwältigten ihn.

Aufrichten wollte er sich, doch er konnte sich nicht abstützen, seine Hände waren nicht mehr da und seine Füße waren auch weg.

Der Tod kam langsam, kalt und fremd. Er spürte noch das warme Blut, Mengen davon und dann nichts mehr.

 

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